Multi-Produkt-Ausschreibungen: Wie Sie mehrere Varianten und Baureihen in einem Projekt beherrschen
Von der DB mit 137 ICE 4 in drei Varianten über die SBB mit 510 FLIRT bis zur SNCF mit 160 TGV M: Wie Angebotsmanager die drei Ebenen der Anforderungszuordnung, ERA-Typzulassungen und ISO 22163 Konfigurationsbaselines bei Paketausschreibungen beherrschen.
Einleitung
Im März 2024 lieferte Siemens Mobility den 137. und letzten ICE 4 an die Deutsche Bahn. Hinter der Zahl steckt ein Detail, das für Angebotsmanager entscheidend ist: Die 137 Züge umfassen drei verschiedene Varianten, 37 Siebenteilige, 50 Zwölfteilige und 50 Dreizehnteilige XXL-Züge, mit insgesamt 1.500 Wagen und rund 105.000 Sitzplätzen. Eine einzige Beschaffung, drei Fahrzeugkonfigurationen, ein Investitionsvolumen von sechs Milliarden Euro.
Solche Multi-Produkt-Beschaffungen sind in der europäischen Bahnindustrie keine Ausnahme. Die UNIFE World Rail Market Study 2024 beziffert das globale Rolling-Stock-Segment auf 63,3 Milliarden Euro, bei einem Gesamtmarktvolumen von 201,8 Milliarden Euro. Westeuropa treibt das Wachstum mit 7,3 %, vor allem durch die Erneuerung elektrischer Flotten. Verkehrsunternehmen und Infrastrukturbetreiber bündeln ihre Bedarfe zunehmend in Rahmenverträgen mit mehreren Fahrzeugtypen und Varianten.
Für den Hersteller bedeutet das: Ein einziges Lastenheft enthält Anforderungen, die teilweise für alle angebotenen Produkte gelten, teilweise nur für bestimmte Varianten, und teilweise auf Unternehmensebene beantwortet werden müssen. Dieser Artikel geht die strukturelle Komplexität solcher Ausschreibungen durch: anhand realer Beschaffungsprogramme, der regulatorischen Rahmenbedingungen und der Werkzeuge, die den Prozess beherrschbar machen.
Multi-Produkt-Beschaffungen: Markt und Praxis
Eine Multi-Produkt-Ausschreibung (auch Paketausschreibung oder Rahmenausschreibung genannt) umfasst die Beschaffung mehrerer unterschiedlicher Fahrzeugtypen oder Baureihen innerhalb eines Vergabeverfahrens. Im Schienenfahrzeugbau gibt es zwei typische Konstellationen:
- Verschiedene Fahrzeugtypen: Ein Infrastrukturbetreiber beschafft gleichzeitig Stopfmaschinen, Schotterplaniermaschinen und Stabilisatoren, also drei grundlegend verschiedene Maschinen mit unterschiedlichen technischen Spezifikationen.
- Varianten einer Baureihe: Ein Verkehrsunternehmen bestellt Triebzüge in verschiedenen Längen, mit unterschiedlichen Antriebssystemen oder für verschiedene Streckenkategorien (Hauptstrecke vs. Nebenstrecke).
Reale Beschaffungsprogramme
Ein Blick auf laufende und abgeschlossene Rahmenverträge:
- DB ICE 4 (Siemens): 137 Züge in drei Varianten (7-teilig, 12-teilig, 13-teilig XXL), 6 Milliarden Euro. Das größte Beschaffungsprogramm der DB-Geschichte. Jede Variante hat unterschiedliche Sitzplatzzahlen, Wagenanzahl und Konfigurationen, aber dieselbe Plattform.
- DB ICE 3neo (Siemens): Insgesamt 90 Hochgeschwindigkeitszüge in drei Bestelltranchen (30 + 43 + 17 Züge) über mehrere Jahre, Gesamtvolumen rund 3,1 Milliarden Euro.
- ÖBB Mireo (Siemens): Rahmenvertrag über bis zu 540 elektrische Nahverkehrszüge im Wert von über 5 Milliarden Euro. Der erste Abruf umfasst 70 Mireo in drei Varianten: 11 Dreiteilige (73 m) und 28 Vierteilige (106 m) für den Regionalverkehr sowie 31 Vierteilige für den Fernverkehr auf Alpenstrecken.
- ÖBB KISS (Stadler): Rahmenvertrag über bis zu 186 Doppelstockzüge im Wert von bis zu 3 Milliarden Euro. Dieselbe KISS-Plattform liefert sowohl vierteilige Cityjet-Regionalzüge als auch sechsteilige Railjet-Fernverkehrszüge.
- Stadler FLIRT: Über 2.750 bestellte Einheiten in 24 Ländern. Die FLIRT-Familie umfasst 2- bis 6-teilige Konfigurationen, elektrische, dieselelektrische und Batterie-Varianten.
- SBB FLIRT (Stadler): Rahmenvertrag über bis zu 510 FLIRT-Einheiten für SBB, Thurbo und RegionAlps, die größte Fahrzeugbestellung in der Geschichte der Schweizer Eisenbahn. Erster Abruf: 286 Züge für rund 2 Milliarden CHF. Die FLIRT-Familie umfasst 2- bis 6-teilige Konfigurationen, elektrische, dieselelektrische, Wasserstoff- und Batterie-Varianten, insgesamt über 2.750 bestellte Einheiten in 24 Ländern.
- SNCF TGV M / Avelia Horizon (Alstom): Rahmenvertrag über insgesamt 160 modulare Hochgeschwindigkeitszüge (115 SNCF + 30 Eurostar + 15 Nachbestellung), Gesamtvolumen über 3,5 Milliarden Euro. Das „M" steht für „modulaire": konfigurierbare Bestuhlung und Innenraumgestaltung pro Variante.
- DB Cargo Vectron Dual Mode (Siemens): Rahmenvertrag über bis zu 400 Lokomotiven im Wert von über 1 Milliarde Euro. Die Vectron-Plattform ist in 20 europäischen Ländern zugelassen, mit Varianten für AC, DC, Multi-System (MS) und Dual-Mode-Betrieb. Die Multi-System-Variante unterstützt vier verschiedene Stromsysteme (25 kV AC, 15 kV AC, 3 kV DC, 1,5 kV DC).
Die Beispiele zeigen: Hersteller entwickeln modulare Plattformen (ICE 4, Mireo, FLIRT, Vectron, Avelia Horizon) und konfigurieren sie in zahlreichen Varianten. Besteller profitieren von gemeinsamer Wartung, Schulung und Ersatzteillogistik. Aber: Selbst wenn nur eine Plattform angeboten wird, muss jede Variante im Angebot als eigenständiges Produkt mit eigener Klassifizierung, eigenen Nachweisen und eigenen Experten behandelt werden.
Fahrzeugzulassung: Typen, Varianten und Versionen
Wer mehrere Fahrzeugvarianten anbietet, stößt schnell auf das europäische Zulassungsregime. Die European Union Agency for Railways (ERA) ist seit 2019 die zentrale Zulassungsbehörde für Fahrzeuge, die in mehreren Mitgliedstaaten eingesetzt werden. Die Durchführungsverordnung (EU) 2018/545 definiert dabei drei Ebenen:
Die grundlegende Konstruktion eines Fahrzeugs mit einer erteilten Typzulassung. Bei Multi-Produkt-Ausschreibungen hat jedes grundlegend verschiedene Produkt einen eigenen Fahrzeugtyp: Die Stopfmaschine und der Stabilisator sind zwei verschiedene Typen.
Eine Konfigurationsoption innerhalb eines Fahrzeugtyps, die eine neue Zulassung erfordert. Beispiel: Ein FLIRT-Triebzug in 4-teiliger vs. 6-teiliger Ausführung. Die zusätzlichen Wagen verändern die Grundkonstruktion so wesentlich, dass eine separate Zulassung nötig ist.
Änderungen an den Grundkonstruktionsmerkmalen, die keine neue Zulassung erfordern. Beispiel: Aktualisierte Software oder modifizierte Innenraumausstattung innerhalb einer bereits zugelassenen Variante.
Konkret: Jede Typvariante benötigt eigene Konformitätsnachweise gemäß den anwendbaren Technischen Spezifikationen für die Interoperabilität (TSI). Die ERA hat seit 2019 über 80.000 Fahrzeuge zugelassen, wobei 83 % der Genehmigungen grenzüberschreitende Einsätze betreffen. Bei einer Multi-Produkt-Ausschreibung muss der Angebotsmanager für jede Variante separat nachweisen, welche TSI-Anforderungen erfüllt werden und welche nicht.
Ein häufiger Fehler: Der Hersteller behandelt eine neue Produktvariante als bloße „Version" und übernimmt die Zulassungsnachweise des Basistyps. Wenn die ERA jedoch feststellt, dass die Änderung eine Typvariante darstellt (z. B. ein anderer Antriebsstrang oder ein zusätzliches Wagenmodul), wird eine vollständige Neuzulassung erforderlich. Im Angebot muss dieser Unterschied klar herausgearbeitet werden. Sonst drohen Zeitverzüge und Nachforderungen im Vergabeverfahren.
Die Produktstruktur nach EN 15380
Ohne einheitliche Produktstruktur versinkt jede Multi-Produkt-Ausschreibung im Chaos. Die europäische Norm EN 15380 (Bahnanwendungen: Bezeichnungssystem für Schienenfahrzeuge) definiert eine standardisierte Produktbaumstruktur in vier Teilen:
- Teil 1: Allgemeine Grundsätze des Bezeichnungssystems
- Teil 2: Produktgruppen (z. B. Triebzüge, Lokomotiven, Reisezugwagen)
- Teil 3: Produktmerkmale (technische Attribute wie Spurweite, Höchstgeschwindigkeit, Antriebsart)
- Teil 4: Funktionsgruppen (die hierarchische Gliederung in Subsysteme wie Fahrwerk, Antrieb, Bremse, Energieversorgung)
In der Angebotsbearbeitung ist vor allem Teil 4 relevant: Die Funktionsgruppen liefern die Gliederung, an der Anforderungen zu Subsystemen und Fachabteilungen zugeordnet werden. Wenn der Besteller seine Anforderungen entlang der EN-15380-Struktur organisiert, können Teillastenhefte pro Funktionsgruppe exportiert werden, z. B. alle Drehgestell-Anforderungen für den Zulieferer oder alle Bremsanforderungen für die Fachabteilung.
Bei Multi-Produkt-Ausschreibungen teilen sich verschiedene Fahrzeugtypen häufig dieselben EN-15380-Funktionsgruppen (jedes Fahrzeug hat ein Drehgestell, eine Bremse, eine Energieversorgung), aber die konkreten Anforderungen und Spezifikationen unterscheiden sich. Die Funktionsgruppe „Antrieb" einer Stopfmaschine mit Dieselmotor hat andere Anforderungen als die eines Stabilisators mit Hydraulikantrieb. Die EN-15380-Struktur macht diese Unterschiede sichtbar, statt sie in flachen Tabellen zu vergraben.
Die drei Ebenen der Anforderungszuordnung
Anforderungen in einer Multi-Produkt-Ausschreibung lassen sich in drei Ebenen einteilen. Wer diese Unterscheidung nicht sauber durchzieht, produziert fehlerhafte Exporte:
Betreffen genau ein Produkt. Die Stopfleistung einer Stopfmaschine ist für eine Schotterplaniermaschine irrelevant. Jede Anforderung wird einmal erfasst und einem bestimmten Produkt zugeordnet.
Der Besteller formuliert eine Anforderung für alle Produkte (z. B. „Betriebstemperatur -25 °C bis +40 °C“), aber jedes Produkt hat möglicherweise eine andere Antwort. Die Anforderung wird pro Produkt dupliziert, jede Kopie mit eigener Klassifizierung, Antwort und Expertenverantwortung.
Betreffen den Bieter als Organisation, nicht ein einzelnes Produkt. ISO-9001-Zertifizierung, IT-Sicherheitskonzept, Qualitätsmanagement. Werden einmal beantwortet, unabhängig von der Zahl der Produkte.
Warum duplizieren statt verknüpfen?
Die Entscheidung, gemeinsame Anforderungen pro Produkt zu duplizieren statt sie als eine Anforderung mit mehreren Antworten zu modellieren, ist eine bewusste Designentscheidung, die sich aus der Praxis ergibt. Der VDB-Leitfaden Anforderungsmanagement beschreibt die Notwendigkeit einer eindeutigen Zuordnung jeder Anforderung zu Verantwortlichkeiten und Nachweisen. Bei unterschiedlichen Antworten pro Produkt ist eine Duplizierung die einzige Möglichkeit, diese Eindeutigkeit zu wahren.
Anforderung: „Alle Fahrzeuge müssen EU Stufe V Abgasnorm erfüllen."
Stopfmaschine (Unimat): OK: CERT-2024-007, Motor MTU 8V 1600, Stage V zertifiziert.
Schotterplaniermaschine (SSP 110): NOK: Motor noch auf Stage IV. Umrüstung auf Stage V frühestens Q3 2027.
Stabilisator (DGS 62N): OK: CERT-2025-001, Motor CAT C7.1, Stage V zertifiziert.
Drei Produkte, drei verschiedene Motoren, drei verschiedene Antworten. Dazu jeweils eigene Nachweisdokumente, Verantwortliche und Kommentarketten. Eine einzelne Anforderungszeile mit einem einzigen Compliance-Status reicht nicht. Das gleiche Muster wiederholt sich bei der Vectron-Plattform: Eine Anforderung zur Energieversorgung hat für die AC-Variante (5.600 kW, 15 kV / 25 kV) eine andere Antwort als für die DC-Variante (5.200 kW, 3 kV / 1,5 kV) und die Multi-System-Variante (6.400 kW, alle vier Stromsysteme).
Typische Zuordnung nach LH-Kategorie
In der Praxis folgt die Zuordnung zur richtigen Ebene häufig der LH-Kategoriestruktur. Nicht alle Kategorien sind gleichermaßen produktspezifisch:
Anteil produktspezifischer Anforderungen pro LH-Kategorie (qualitative Einschätzung). LH3 und LH4 sind überwiegend unternehmensweite Anforderungen; LH7 ist fast ausschließlich produktspezifisch.
Diese Verteilung hat direkte Auswirkungen auf das Anforderungsvolumen: Bei einer Ausschreibung mit 800 Anforderungen und drei Produkten sind die ~5 % unternehmensweiten LH4-Anforderungen einmal zu beantworten (~40 Anforderungen), während die ~95 % produktspezifischen LH7-Anforderungen dreifach bearbeitet werden müssen (~2.280 Produkt-Anforderungs-Kombinationen allein in LH7). Das Gesamtvolumen steigt dadurch schnell auf 1.500 bis 2.000 effektive Antworten.
Normen-Compliance bei mehreren Produkten
Jedes Produkt hat seinen eigenen Zertifizierungsstatus. Dieselbe Norm kann für Produkt A erfüllt und für Produkt B nicht erfüllt sein.
Die ISO 22163:2023 (IRIS Rev. 04) fordert in ihren Abschnitten zu Design und Entwicklung (Abschnitt 8.3) eine vollständige Rückverfolgbarkeit von Kundenanforderungen bis zum Designnachweis. Gleichzeitig verlangt Abschnitt 8.1.4 ein strukturiertes Konfigurationsmanagement mit definierten Baselines. Die IRIS Guideline 8 (Configuration & Change Management) konkretisiert drei Konfigurationsbaselines:
- As Designed: Die genehmigte Konstruktion aller Konfigurationselemente. Muss pro Produkt separat dokumentiert werden, da verschiedene Varianten unterschiedliche Designs haben.
- As Built: Der tatsächliche Bauzustand. Bei Multi-Produkt-Aufträgen divergieren Serienstände und Fertigungszeitpunkte zwischen Varianten.
- As Maintained: Der Wartungszustand über den Lebenszyklus. Jede Variante entwickelt sich unabhängig weiter.
Bei mehreren Produkten bedeutet das: Jede Norm-Anforderung muss pro Produkt separat bewertet und nachgewiesen werden, und jede Konfigurationsbaseline muss pro Variante eigenständig geführt werden.
Ein verbreiteter Fehler: Das Unternehmen hat EN 45545-2 HL2 für die Stopfmaschine zertifiziert und überträgt die Klassifizierung „OK" auf alle Produkte. Die Schotterplaniermaschine hat aber andere Materialien und Kabelbäume verbaut. Die HL2-Zertifizierung gilt nur für das getestete Produkt. Im Vergabeverfahren kann das zur Abwertung oder zum Ausschluss führen, wenn der Besteller die Nachweise einzeln prüft. Der gleiche Fehler tritt bei TSI-Nachweisen auf: Eine TSI-Konformitätserklärung für den Fahrzeugtyp A deckt nicht automatisch Variante B ab, wenn sich sicherheitsrelevante Merkmale unterscheiden.
Teillastenhefte pro Produkt und Subsystem
Bei Multi-Produkt-Ausschreibungen müssen Teillastenhefte pro Produkt und pro Subsystem exportiert werden können. Der Besteller erwartet typischerweise ein Gesamt-Pflichtenheft, aber intern müssen subsystem-spezifische Auszüge an Fachabteilungen und Zulieferer weitergegeben werden.
Typische Teillastenhefte bei einer Multi-Produkt-Ausschreibung für Gleisbaumaschinen:
- Teillastenheft Drehgestelle: alle Fahrwerk-Anforderungen über alle Produkte, mit produktspezifischen Antworten
- Teillastenheft Bremse: Bremsanforderungen pro Produkt (unterschiedliche Bremsleistungen)
- Teillastenheft Elektrik: Energieversorgung, Beleuchtung, Steuerung pro Produkt
- Teillastenheft Hydraulik: nur für Produkte mit Hydraulikaggregaten
- Teillastenheft Antrieb: Motor, Getriebe, Abgasnachbehandlung pro Produkt
Die Kombination aus Multi-Produkt und Multi-Experten erzeugt eine Matrix: Für jede Anforderung muss klar sein, welches Produkt sie betrifft und welche 1–5 Experten dafür zuständig sind. Bei drei Produkten und durchschnittlich zwei Experten pro Anforderung entsteht bei 500 gemeinsamen Anforderungen eine Zuordnungsmatrix mit 3.000 Einträgen. Manuell kaum beherrschbar.
Aktuell werden Anforderungen an einen Hauptverantwortlichen verteilt. Soll für 3–5 Verantwortliche erweitert werden.
– Robel Bahnbaumaschinen, Anforderung an ein Multi-Experten-ZuweisungssystemTypische Herausforderungen
1. Excel stößt an seine Grenzen
In der tabellenbasierten Arbeitsweise wird die Produktzuordnung häufig über zusätzliche Spalten gelöst: eine Antwort-Spalte pro Produkt. Bei drei Produkten verdreifacht sich die Zeilenbreite, die Übersichtlichkeit sinkt, und die Pflege von Querverweisen zwischen den Produktspalten wird fehleranfällig. Der CONTACT Software Blog beschrieb schon 2014 die Grenzen tabellenbasierter Anforderungsbearbeitung bei steigendem Volumen. Multi-Produkt-Szenarien verschärfen das Problem. Konkret: Eine Excel-Datei mit 800 Anforderungen und drei Produkten hat 2.400+ Antwortzellen, verteilt über dutzende Spalten, mit manueller Zusammenführung bei jeder Revision.
2. Konsistenzprüfung über Produktgrenzen
Wenn Produkt A eine Anforderung als „OK" klassifiziert und Produkt B dieselbe Anforderung als „NOK", muss der Angebotsmanager prüfen, ob das korrekt ist oder ob ein Fehler vorliegt. Bei hunderten gemeinsamen Anforderungen ist diese Querprüfung manuell kaum leistbar, insbesondere wenn verschiedene Experten die Produkte bearbeiten und die Antworten zu unterschiedlichen Zeitpunkten einpflegen.
3. Konfigurationsmanagement über Varianten
Die ISO 22163:2023 hat die bisherigen Abschnitte 8.1.4 (Konfigurationsmanagement) und 8.1.5 (Änderungsmanagement) in einen kombinierten Abschnitt 8.1.4 „Configuration management and change control" zusammengeführt. Der Standard verlangt, dass Konfigurationsbaselines mindestens für „as designed", „as built" und „as maintained" etabliert werden. Bei Multi-Produkt-Aufträgen bedeutet das: Jede Variante hat ihre eigene Konfigurationsbaseline, und Änderungen an einer Variante dürfen nicht unkontrolliert auf andere Varianten übertragen werden. Ein neues Softwarerelease für die Stopfmaschine betrifft nicht automatisch den Stabilisator, selbst wenn beide auf derselben Steuerungsplattform basieren.
4. Exportkomplexität
Der Besteller erwartet möglicherweise verschiedene Formate: ein Gesamt-Pflichtenheft mit allen Produkten, separate Pflichtenheft-Abschnitte pro Produkt und Teillastenhefte pro Subsystem. Jeder Export muss die richtige Filterung anwenden: nur Anforderungen für Produkt A, nur die LH7-Kategorie, nur die Subsystem-Gruppe „Antrieb". Bei drei Produkten und acht LH-Kategorien sind das bis zu 24 Exportkombinationen, und Subsystem-Filter kommen noch oben drauf.
Werkzeuge und Datenaustausch
In der Praxis reicht das Werkzeugspektrum von erweiterten Excel-Strukturen bis zu datenbankbasierten Systemen:
IBM DOORS Next wurde im Melbourne Metro Tunnel Project (AUD 13,4 Milliarden) eingesetzt, um tausende Anforderungen über vier Arbeitspakete und hunderte Ingenieure hinweg zu koordinieren. Laut Acmena war es eines der ersten Bahnprojekte mit zentralisiertem Anforderungsmanagement über alle Auftragnehmer und Zulieferer hinweg, einschließlich Informationspartitionierung: separate Arbeitsbereiche für verschiedene Auftragnehmer, bei gleichzeitig projektweiter Integrationssicht.
Siemens Polarion bietet ebenfalls Requirements Management mit durchgängiger Traceability. Für Multi-Produkt-Szenarien ist Polarions Multi-Product-Branching relevant: Spezifikationsdokumente können verzweigt werden, um Gemeinsamkeiten zwischen Produkten zu verwalten und gleichzeitig produktspezifische Anforderungen zu tracken. Seit 2025 extrahiert Polarion zudem per KI automatisch Anforderungen aus eingehenden Ausschreibungsdokumenten (PDF, MS Office) und clustert sie. Bei großen Multi-Produkt-Lastenheften spart das erheblich manuelle Arbeit.
Das Requirements Interchange Format (ReqIF) wurde ursprünglich von der HIS (Hersteller Initiative Software) der deutschen Automobilindustrie entwickelt und ist heute ein OMG-Standard, der nativ von IBM DOORS und Siemens Polarion unterstützt wird. ReqIF ermöglicht den werkzeugübergreifenden Austausch von Anforderungen, einschließlich Zuweisungen, Klassifizierungen und Metadaten. Bei Multi-Produkt-Ausschreibungen heißt das: Die produktspezifischen Attribute (Variante, Klassifizierung, Zuständigkeit) werden als strukturierte Daten transportiert, nicht als Freitext in einer Excel-Spalte. In der Praxis nutzen viele Besteller allerdings weiterhin Excel oder PDF, sodass der ReqIF-Workflow meist auf Herstellerseite beginnt.
Wie KI bei Multi-Produkt-Ausschreibungen hilft
KI kann bei Multi-Produkt-Ausschreibungen an mehreren Stellen helfen, wobei der Automatisierungsgrad je nach Aufgabe stark schwankt. Plattformen wie Tendric adressieren gezielt dieses Szenario mit produktweiser Anforderungsverwaltung und automatisierter Konsistenzprüfung:
- Automatische Scope-Erkennung: Erkennen, ob eine Anforderung produktspezifisch, gemeinsam oder unternehmensweit ist, basierend auf Schlüsselwörtern, Normenreferenzen und LH-Kategorie. Anforderungen mit eindeutigen Normenreferenzen (z. B. „EN 45545" oder „Stage V") lassen sich zuverlässig dem richtigen Scope zuordnen; bei mehrdeutigen Formulierungen sinkt die Trefferquote.
- Produktspezifische Klassifizierung: Abgleich jeder Anforderung gegen das jeweilige Produktdatenblatt und die zugehörige Herstellerspezifikation, mit separater Bewertung pro Produkt. Die Qualität hängt direkt von der Verfügbarkeit produktweise getrennter SSOT-Dokumente ab.
- Konsistenzprüfung: Erkennung widersprüchlicher Klassifizierungen über Produktgrenzen hinweg, etwa wenn ein gemeinsamer Schnittstellenparameter für ein Produkt als OK und für ein anderes als NOK bewertet wird. Lässt sich gut automatisieren, weil es ein strukturierter Datenvergleich ist.
- Automatische Teillastenheft-Generierung: Filterung und Export per Produkt und Subsystem, einschließlich der richtigen Normenverknüpfungen und Nachweisdokumente.
Die Qualität der KI-Klassifizierung hängt direkt von der Verfügbarkeit produktspezifischer SSOT-Dokumente (Produktdatenblatt, Herstellerspezifikation) ab. Wenn alle Produkte im selben Gesamtdokument beschrieben sind, ordnet die KI produktspezifische Parameter schlechter zu, als bei klar getrennten Datenblättern pro Produkt. Saubere, produktweise getrennte SSOT-Dokumente zahlen sich bei jeder weiteren Ausschreibung aus, ob mit KI oder ohne.
Fazit
Multi-Produkt-Ausschreibungen sind in der europäischen Bahnindustrie die Regel, nicht die Ausnahme. Die DB beschafft 137 ICE 4 in drei Varianten und 400 Vectron-Lokomotiven, die ÖBB ordert bis zu 540 Mireo, die SBB 510 FLIRT, die SNCF 160 modulare TGV M. Die Branche beschafft in Paketen, Rahmenverträgen und Plattformfamilien. Für Angebotsmanager multipliziert das die Arbeit: mehr Anforderungen, mehr Normen-Nachweise, mehr Experten, mehr Exporte.
Entscheidend ist die saubere Trennung in die drei Ebenen der Anforderungszuordnung: produktspezifisch, gemeinsam/dupliziert, unternehmensweit. Jede Anforderung muss eindeutig einem Produkt (oder der Unternehmensebene) zugeordnet sein, mit eigener Klassifizierung, eigenem Nachweis und eigener Expertenverantwortung. Werkzeuge wie Tendric, die diese Struktur erzwingen statt sie dem Anwender als optionale Disziplin zu überlassen, reduzieren Fehler und ermöglichen skalierbare Teillastenheft-Exporte.
Dazu kommt die regulatorische Seite: ERA-Typzulassung mit Varianten vs. Versionen, TSI-Konformitätsnachweise pro Variante, ISO 22163 Konfigurationsbaselines pro Produkt. Multi-Produkt-Ausschreibungen sind keine reine Organisationsfrage, sondern verlangen regulatorisches Detailwissen und Werkzeuge, die das im Tagesgeschäft abbilden.
- Multi-Produkt-Ausschreibungen sind der Standard: DB (137 ICE 4, 400 Vectron DM), ÖBB (540 Mireo), SBB (510 FLIRT), SNCF (160 TGV M).
- EU-Verordnung 2018/545 unterscheidet Fahrzeugtyp, Typvariante (neue Zulassung nötig) und Typversion (keine neue Zulassung). Die Zuordnung bestimmt den Umfang der TSI-Nachweise im Angebot.
- Gemeinsame Anforderungen werden pro Produkt dupliziert, nicht als eine Anforderung mit mehreren Antworten modelliert. Jedes Produkt braucht eigene Klassifizierung, Nachweise und Experten.
- ISO 22163:2023 fordert Konfigurationsbaselines (as designed, as built, as maintained) pro Variante, nicht pro Plattform.
- EN 15380 Teil 4 (Funktionsgruppen) liefert die Gliederung für subsystem-spezifische Teillastenhefte. Die Struktur ist über Produkttypen hinweg vergleichbar, die Inhalte unterscheiden sich.
- Tabellenbasierte Ansätze brechen bei 4+ Produkten zusammen. ReqIF, IBM DOORS und Siemens Polarion bieten strukturierte Alternativen.
- KI kann Scope-Erkennung und produktübergreifende Konsistenzprüfung automatisieren. Voraussetzung: produktweise getrennte SSOT-Dokumente.
Das tendric-Team entwickelt KI-gestützte Werkzeuge für die Ausschreibungsbearbeitung in der Industrie. Wir schreiben über Best Practices, Branchentrends und die Zukunft des Angebotsmanagements.