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Deep Dive

Anforderungsklassifizierung: Was OK, OKB, NOK, OKM und R wirklich bedeuten

Ein Deep Dive in das 5-Stufen-Modell der Anforderungsklassifizierung: Verifikationsmethoden nach EN 50126, Compliance-Matrix-Struktur, typische Verteilungsmuster, häufige Fehler und Best Practices für Angebotsmanager — mit Referenzen auf VDB-Leitfaden, EuroSpec, INCOSE und ISO/IEC/IEEE 29148.

tendric Redaktion28. Januar 202618 Min. Lesezeit

Einleitung

Im August 2024 vergab die VBB den S-Bahn-Auftrag für Berlin im Wert von über EUR 1,5 Milliarden. Die Lastenhefte umfassten tausende Einzelanforderungen, von Crashnormen über Klimazonen bis zur Barrierefreiheit. Für jeden einzelnen Punkt musste jeder Bieter eine Aussage treffen: Können wir das? Unter welchen Bedingungen? Mit welchem Nachweis?

Diese Aussage ist die Klassifizierung. Klingt nach einer einfachen Spalte in Excel. Ist aber das Fundament jeder Angebotsantwort. Zu optimistisch klassifiziert? Das führt zu Nachverhandlungen. Zu pauschal? Im schlimmsten Fall zum Ausschluss aus dem Vergabeverfahren. Die ESA-Beschaffungsrichtlinien formulieren es deutlich: Diskrepanzen zwischen Compliance-Aussagen und dem tatsächlichen Angebot führen zu Abwertungen. Dasselbe Prinzip gilt im öffentlichen Vergaberecht der Bahnindustrie.

Trotzdem wird die Klassifizierung in vielen Unternehmen stiefmütterlich behandelt: als Spalte, die unter Zeitdruck befüllt wird. Dieser Artikel erklärt das 5-Stufen-Modell im Detail, ordnet es in internationale Standards ein und zeigt die häufigsten Fehler samt konkreter Gegenmaßnahmen.

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Markt Rolling Stock
Europäischer Schienenfahrzeugmarkt 2024
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Ø Win Rate
RFP-Gewinnquote branchenübergreifend
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Teams nutzen KI
In der Angebotsbearbeitung (2025)
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Umsatzanteil
Durch RFPs beeinflusster Umsatz

Wo die Klassifizierung im Angebotsprozess steht

Die Klassifizierung passiert nicht in einem Vakuum. Sie sitzt genau zwischen Anforderungsanalyse und Angebotsantwort. Der VDB-Leitfaden Anforderungsmanagement beschreibt einen strukturierten Prozess, in dem die Klassifizierung Lastenheft und Pflichtenheft verbindet. Das Ergebnis ist eine Compliance Matrix: eine tabellarische Gegenüberstellung jeder Anforderung mit der Antwort des Bieters.

1
Lastenheft-Import & Anforderungsextraktion

Anforderungen werden aus dem Lastenheft extrahiert, idealerweise über ReqIF, alternativ aus Excel oder PDF. Jede Anforderung erhält eine eindeutige ID, Normenreferenzen und Verbindlichkeitsstufe.

2
Verteilung an Fachexperten

Anforderungen werden nach Subsystem (EN 15380) an die zuständigen Fachbereiche zugewiesen: Fahrzeugstruktur, Antrieb, Bremssysteme, HVAC, Innenausstattung, Software.

3
Klassifizierung durch Experten

Jeder Experte bewertet seine Anforderungen mit dem 5-Stufen-Modell (OK/OKB/NOK/OKM/R) und belegt die Bewertung mit Quelldokumenten, Testberichten oder Normenreferenzen.

4
Konsistenz-Review & Qualitätssicherung

Der Angebotsmanager prüft subsystemübergreifende Konsistenz, erkennt Widersprüche zwischen Fachbereichen und stellt die Vollständigkeit aller Quellenangaben sicher.

5
Compliance Matrix & Pflichtenheft-Generierung

Die konsolidierten Klassifizierungen bilden die Compliance Matrix. Von hier fließen die Daten in Teillastenhefte für Zulieferer und in die Angebotsdokumentation.

Das 5-Stufen-Modell im Überblick

Der internationale Standard für Tender-Compliance kennt drei Stufen: Compliant, Partially Compliant und Non-Compliant, so definiert es etwa die ESA in ihren Beschaffungsrichtlinien. In der industriellen Praxis, insbesondere in der Bahn- und Fahrzeugtechnik, hat sich ein differenzierteres 5-Stufen-Modell etabliert. Es liefert mehr Information und erlaubt eine präzisere Kommunikation mit dem Auftraggeber.

Das Modell ergänzt die binäre Compliant/Non-Compliant-Unterscheidung um drei Zwischenstufen, die in der Praxis den weitaus größten Teil der Anforderungen abdecken. Denn die Realität ist selten schwarz-weiß: Ein Fahrzeug, das eine Anforderung „fast" erfüllt, braucht eine andere Antwort als eines, das sie gar nicht erfüllen kann.

OK: Vollständig erfüllbar

Die Anforderung kann ohne Einschränkung erfüllt werden. Klingt einfach, erfordert aber den stärksten Nachweis: Es muss ein konkretes Quelldokument existieren, das die Erfüllung belegt. Die INCOSE Guide to Writing Requirements nennt Verifizierbarkeit als Kerneigenschaft jeder Anforderung. Dasselbe gilt für die Antwort. Ein OK ohne Nachweis ist wertlos.

Der Nachweis richtet sich dabei nach den vier Verifikationsmethoden, die sowohl ISO/IEC/IEEE 29148 als auch die CENELEC EN 50126 definieren: Test (physische Prüfung), Analyse (Berechnung oder Simulation), Inspektion (visuelle Prüfung) und Demonstration (funktionaler Nachweis). Welche Methode für welche Anforderung gilt, muss schon in der Nachweisplanung festgelegt werden.

Praxisbeispiel OK

Anforderung: Fahrzeug muss EN 15227 Kategorie C-I erfüllen (Crashsicherheit)
Klassifizierung: OK
Verifikationsmethode: Test + Analyse
Nachweis: Crashtest-Bericht CT-2024-001, Abschnitt 4.3. FEM-Simulation gemäß EN 15227:2020 Anhang A. Zulassungsdokument ZD-DE-4471.

OKB: Erfüllbar mit Bedingung

Die Anforderung ist grundsätzlich erfüllbar, aber unter bestimmten Bedingungen, die der Auftraggeber akzeptieren oder ermöglichen muss. OKB ist oft die interessanteste Kategorie, weil sie zeigt: Der Anbieter hat sich wirklich mit der Anforderung beschäftigt und gibt eine ehrliche Einschätzung ab, statt ein pauschales OK zu vergeben.

Die Bedingung muss konkret und messbar formuliert sein. „Unter bestimmten Umständen" ist keine akzeptable OKB-Bedingung. Die EuroSpec Requirements Management Specification fordert für jede Anforderungsantwort Rückverfolgbarkeit und Prüfbarkeit. Bei OKB heißt das konkret: Die Bedingung selbst muss eine verifizierbare Aussage sein.

Praxisbeispiel OKB

Anforderung: Maximale Achslast darf 22,5t nicht überschreiten
Klassifizierung: OKB
Bedingung: Erfüllbar bei Standardkonfiguration (22,1t). Bei Option Winterpaket steigt die Achslast auf 22,8t. Das erfordert Anpassung der Radscheiben-Spezifikation oder Verzicht auf das Winterpaket.
Nachweis: Massenberechnung MB-Rev12, Wiegeprotokoll WP-2024-03.

NOK: Nicht erfüllbar

Die Anforderung kann nicht erfüllt werden. Das ist kein Scheitern, sondern ehrliche Kommunikation. Der eigentliche Fehler liegt woanders: ein NOK als Sackgasse stehen zu lassen. Erfahrene Angebotsbearbeiter ergänzen jedes NOK mit einer Abweichungsanalyse. Was genau ist die Differenz? Gibt es eine technische Alternative? Was wäre der Kompromiss?

Im Kontext von TSI-Anforderungen ist ein NOK besonders heikel: Nicht-Erfüllung von TSI-Anforderungen muss als formale Abweichung dokumentiert werden und kann die Fahrzeugzulassung durch die Benannte Stelle (NoBo) gefährden. „Geht nicht" reicht hier nicht. Die Abweichungsanalyse muss die regulatorischen Konsequenzen benennen.

Praxisbeispiel NOK

Anforderung: Lebensdauer Fahrmotor mindestens 40 Jahre
Klassifizierung: NOK
Abweichung: Maximale qualifizierte Lebensdauer: 30 Jahre / 6 Mio. km laut Herstellerangabe. Abweichung: 10 Jahre / 25%.
Alternative: Mid-Life-Overhaul nach 20 Jahren ermöglicht Gesamtnutzungsdauer von 40+ Jahren bei Austausch der Wicklungen. LCC-Vergleich zeigt: Overhaul-Variante günstiger als 40-Jahre-Motor-Neuentwicklung.
Nachweis: Herstellerdatenblatt TMF-400, RAMS-Analyse RA-2023-08, LCC-Kalkulation LCC-2024-FM-01.

OKM: Erfüllbar mit Modifikation

Die Anforderung kann erfüllt werden, aber es sind Änderungen am Design, an der Konfiguration oder am Prozess nötig. Der Unterschied zu OKB: Die Modifikation liegt beim Anbieter, nicht beim Auftraggeber. Das kostet Zeit und Geld, und beides muss transparent kommuniziert werden.

Bei OKM spielt die ISO/TS 22163 (IRIS) eine Rolle: Der IRIS-Standard verlangt strukturierte Änderungsprozesse. Jede Modifikation muss dokumentiert und im Konfigurationsmanagement nachvollziehbar sein. Eine OKM-Antwort ohne Aufwandsabschätzung lässt den Auftraggeber im Dunkeln, was das Ganze kosten wird.

Praxisbeispiel OKM

Anforderung: Fahrgastinformationssystem muss 3 Sprachen gleichzeitig anzeigen
Klassifizierung: OKM
Modifikation: Aktuelle Software unterstützt 2 Sprachen gleichzeitig. Erweiterung auf 3 Sprachen erfordert Software-Update (geschätzt 8 Wochen Entwicklung, 4 Wochen Integration/Test, Freigabe durch EBA erforderlich).
Kostenindikation: Einmalige Entwicklungskosten, keine Auswirkung auf Serienkosten oder Wartungsintervalle.
Nachweis: Systemspezifikation FIS-v4.2, Abschnitt 3.1. Change Request CR-FIS-2024-017.

R: Rückfrage erforderlich

Die Anforderung kann nicht abschließend bewertet werden, weil Informationen fehlen. R ist keine Ausweichkategorie. Es signalisiert dem Auftraggeber: Die Anforderung ist unklar oder unvollständig formuliert. Die INCOSE-Anforderungsqualitätskriterien nennen Eindeutigkeit und Vollständigkeit als Grundvoraussetzungen guter Anforderungen. Wenn beides fehlt, ist R die einzig seriöse Antwort.

Die Rückfrage muss konkret sein: Welche Information fehlt? Was würde die Bewertung ermöglichen? Erfahrene Teams formulieren R-Antworten oft als bedingte Klassifizierung: „Bei Klimazone T1 wäre die Antwort OK, bei T2 wäre sie OKB mit folgender Bedingung…". Das zeigt dem Auftraggeber, dass die technische Arbeit bereits geleistet wurde.

Praxisbeispiel R

Anforderung: Fahrzeug muss die lokalen klimatischen Bedingungen erfüllen
Klassifizierung: R
Rückfrage: Welche Klimazone gemäß EN 50125-1 ist gemeint? T1 (–25°C bis +40°C) oder T2 (–40°C bis +35°C)? Die Klassifizierung hängt von der Heizleistung und den Dichtungsspezifikationen ab, die zwischen den Zonen erheblich variieren.
Bedingte Bewertung: Bei T1: OK (Nachweis: Klimakammer-Test KT-2024-003). Bei T2: OKM (Modifikation: Nachrüstung Zusatzheizung, geschätzt 6 Wochen).

Klassifizierung und Verifikation: die IADT-Methoden

Jede Klassifizierung braucht eine Verifikationsmethode. Sowohl die CENELEC EN 50126 (RAMS für Bahnanwendungen) als auch die ISO/IEC/IEEE 29148 definieren vier Methoden, die sogenannten IADT-Methoden. Welche Methode gewählt wird, bestimmt sowohl den Aufwand als auch die Beweiskraft einer OK-Klassifizierung.

Test (physische Prüfung)0% Evidenzstärke
Analyse (Berechnung / Simulation)0% Evidenzstärke
Demonstration (funktionaler Nachweis)0% Evidenzstärke
Inspektion (visuelle Prüfung)0% Evidenzstärke

Die Methoden sind hierarchisch aufgebaut. Test hat die höchste Beweiskraft, Inspektion die geringste. Was das in der Praxis heißt:

  • Test: Physische Prüfung unter definierten Bedingungen. Für sicherheitskritische Anforderungen (Crashsicherheit EN 15227, Brandschutz EN 45545) oft die einzig akzeptierte Methode. Ein OK mit Testnachweis ist unanfechtbar.
  • Analyse: Berechnung, FEM-Simulation oder statistische Auswertung. Kommt zum Einsatz, wenn physische Tests unverhältnismäßig aufwändig wären, etwa bei Lebensdauer-Nachweisen über RAMS-Analysen nach EN 50126.
  • Demonstration: Funktionaler Nachweis unter realen oder realitätsnahen Bedingungen. Typisch für Software-Anforderungen und Fahrgastinformationssysteme.
  • Inspektion: Visuelle oder dokumentarische Prüfung. Geeignet für Abmessungen, Materialkennzeichnungen und Konfigurationsmerkmale. Reicht nicht für Leistungseigenschaften.
Verifikationsmethode sofort festlegen

Die Nachweisplanung gehört nicht in eine spätere Projektphase. Die EuroSpec Requirements Management Specification empfiehlt, Validierung und Verifikation schon beim Schreiben der Anforderungsantwort zu definieren. Ein OK ohne festgelegte Verifikationsmethode wird zum Problem, wenn der Auftraggeber Test verlangt, aber nur Analyse geplant war.

Typische Klassifizierungsverteilung

Wie sieht eine realistische Verteilung in einem Bahnangebot aus? Das variiert natürlich nach Reifegrad des Produkts und Passgenauigkeit zur Ausschreibung. Aber erfahrene Angebotsmanager erkennen typische Muster. Ein Angebot mit 95% OK ist entweder ein Volltreffer oder es wurde nicht sorgfältig klassifiziert. Meistens Letzteres.

OK: Vollständig erfüllbar0%
OKB: Erfüllbar mit Bedingung0%
OKM: Erfüllbar mit Modifikation0%
NOK: Nicht erfüllbar0%
R: Rückfrage erforderlich0%

Das ist ein typisches Muster für ein Angebot auf Basis eines existierenden Fahrzeugkonzepts, das an einen neuen Markt angepasst wird. Bei Neuentwicklungen verschiebt sich die Verteilung Richtung OKM. Bei Ausschreibungen, die auf ein bestehendes Produkt zugeschnitten sind, dominiert OK.

Die Zahl der NOKs ist weniger entscheidend als die Qualität der Abweichungsanalysen. 5% NOK mit überzeugenden Alternativen schlägt 0% NOK mit unsauberer Klassifizierung, die in der technischen Prüfung Inkonsistenzen offenlegt.

Häufige Fehler bei der Klassifizierung

Die meisten Klassifizierungsfehler sind keine technischen Fehler. Es sind systematische Verzerrungen: Zeitdruck, mangelnde Abstimmung, Wunschdenken. Und sie sind teuer. In der Angebotsbewertung laufen technische Compliance-Checks vor der kommerziellen Bewertung. Nicht-konforme Angebote fliegen raus, egal wie gut der Preis ist.

Fehler 1: Zu optimistisches OK

Risiko: Unkritisches OK

Eine Anforderung als OK zu klassifizieren, ohne belastbaren Nachweis, ist der häufigste und teuerste Fehler. Er verschiebt das Risiko in die Projektdurchführung, wo es um ein Vielfaches mehr kostet. Die ESA-Richtlinien warnen explizit vor Diskrepanzen zwischen Compliance-Aussagen und dem tatsächlichen Angebot. In der Bahnindustrie wird es noch konkreter: Wenn ein OK in der Projektphase zu einem NOK wird, entstehen Nachtragskosten, Zeitverzögerungen und Zulassungsprobleme bei der Benannten Stelle.

Fehler 2: OKB ohne klare Bedingung

Risiko: Vages OKB

„Erfüllbar unter bestimmten Voraussetzungen" ist keine Klassifizierung. Es ist eine Leerformel. Jedes OKB braucht eine konkrete, messbare Bedingung: Was genau muss der Auftraggeber ändern oder akzeptieren? Welche Konfigurationsoption muss gewählt werden? Ohne diese Präzision lässt sich OKB nicht von OK unterscheiden, und beide Kategorien verlieren ihren Wert.

Fehler 3: NOK ohne Alternative

Risiko: Sackgasse statt Lösung

Ein NOK ohne Alternativvorschlag signalisiert dem Auftraggeber: Dieses Problem können wir nicht lösen. Ein NOK mit technischer Alternative signalisiert: Die exakte Anforderung können wir nicht erfüllen, aber wir bieten eine gleichwertige Lösung mit transparenter Abweichungsanalyse. Letzteres zeigt Lösungskompetenz und gewinnt Ausschreibungen. Die Loopio-Studie 2025 zeigt: Teams, die einen strukturierten Go/No-Go-Prozess nutzen (83% aller befragten Teams), haben deutlich höhere Gewinnquoten, weil sie bewusst entscheiden, welche Abweichungen sie kommunizieren und wie sie Alternativen formulieren.

Fehler 4: Fehlende Quellenangabe

Risiko: Unbelegtes OK

Jede Klassifizierung, insbesondere OK, muss auf ein Quelldokument verweisen. Die EuroSpec-Spezifikation verlangt Rückverfolgbarkeit und Verifikation: Jede Anforderung braucht eine eindeutige ID, die Traceability zu Lösungen und Dokumenten sicherstellt. Der VDB-Leitfaden sieht die Nachweisplanung als festen Bestandteil des Anforderungsmanagements vor. Ohne Quellenangabe ist eine Klassifizierung eine Behauptung.

Fehler 5: Subsystemübergreifende Inkonsistenz

Risiko: Widersprüchliche Bewertungen

Wenn das Fahrzeugstruktur-Team eine Anforderung zur Achslast als OK bewertet, aber das Antriebsteam eine abhängige Anforderung zum Motorgewicht als OKB klassifiziert, entsteht ein Widerspruch. In Angeboten mit dutzenden Fachexperten sind solche Inkonsistenzen unvermeidlich, wenn kein systematischer Review-Prozess existiert. Klassifizierungen müssen im Kontext der Gesamtarchitektur geprüft werden. Die EN 15380-5 System Breakdown Structure liefert dafür die Gliederung.

Warum Quellenangaben nicht optional sind

Die Quellenangabe ist der Beweis, dass eine Klassifizierung belastbar ist. Nicht mehr, nicht weniger. Die ISO/IEC/IEEE 29148 definiert für jede Anforderung einen Traceability-Link: Von der Quell-Anforderung (Lastenheft) über die Lösungsbeschreibung (Pflichtenheft) bis zum Verifikationsnachweis (Testbericht, Analyse, Inspektion). Diese Kette muss durchgängig sein.

Im Kontext der CENELEC EN 50129 wird diese Kette zum Safety Case: einem strukturierten Dokument, das die Sicherheit eines Systems gegenüber einer unabhängigen Prüfstelle (ISA) nachweist. Die Klassifizierung steht am Anfang dieser Kette. Fehlt dort schon die Quellenangabe, bricht die gesamte Nachweisführung zusammen.

So sieht ein professioneller Klassifizierungsprozess in der Praxis aus, hier dargestellt am Beispiel von Tendric, von der Anforderung über den Quellenabgleich bis zur generierten Antwort:

Interaktive Demo: Klassifizierung mit Quellenabgleich
Anforderung

Fahrzeug muss EN 15227 Kategorie C-I erfüllen

Quellenabgleich
Crashtest-Bericht CT-2024-001
Zulassungsdokument ZD-DE-4471

Die Compliance Matrix in der Praxis

Die Compliance Matrix ist das Dokument, in dem alle Klassifizierungen zusammenlaufen. Die Association of Proposal Management Professionals (APMP) definiert sie als tabellarische Gegenüberstellung jeder RFP-Anforderung mit der entsprechenden Antwort, einschließlich des Verweises auf den relevanten Angebotsabschnitt. In der Bahnindustrie wird diese Struktur durch die Spezifika des VDB-Leitfadens ergänzt: Normenreferenzen, Verifikationsmethoden und Zulieferer-Zuordnung.

Eine professionelle Compliance Matrix in der Bahnindustrie enthält pro Anforderung mindestens folgende Felder:

  1. Anforderungs-ID (eindeutige Referenz aus dem Lastenheft)
  2. Anforderungstext (Originaltext des Auftraggebers)
  3. Verbindlichkeit (Muss / Soll / Option)
  4. Klassifizierung (OK / OKB / NOK / OKM / R)
  5. Kommentar (Bedingung, Modifikation, Abweichung oder Rückfrage)
  6. Quelldokument (Testbericht, Datenblatt, Zulassung)
  7. Verifikationsmethode (Test / Analyse / Demonstration / Inspektion)
  8. Zuständiger Fachbereich (EN 15380-Subsystem)
  9. Pflichtenheft-Referenz (Abschnitt im Angebotsdokument)
Typische Excel-Praxis
Strukturierte Compliance Matrix
Klassifizierung ohne Kommentar: nur OK/NOK
5-Stufen-Klassifizierung mit konkretem Kommentar
Keine Quellenreferenz: Behauptung statt Nachweis
Quelldokument mit Abschnitt und Versionsnummer
Kein Verantwortlicher: unklar, wer bewertet hat
Zugeordneter Fachexperte mit Review-Status
Keine Verifikationsmethode: Nachweisplanung fehlt
Verifikationsmethode nach IADT definiert
Kein Subsystem-Bezug: flache Liste ohne Struktur
EN 15380-Subsystemzuordnung und Traceability
Manuelle Konsistenzprüfung: fehleranfällig
Automatische Konsistenzprüfung über Subsysteme

ReqIF und werkzeuggestützter Datenaustausch

Klassifizierung in Excel funktioniert. Bis es nicht mehr funktioniert. Ab ein paar hundert Anforderungen lohnt sich ein werkzeuggestützter Workflow. Das Requirements Interchange Format (ReqIF) ist ein offener, XML-basierter Standard für den Austausch von Anforderungen zwischen verschiedenen Requirements-Management-Werkzeugen. Ob Auftraggeber und Bieter IBM DOORS, Siemens Polarion oder ein anderes Tool nutzen, spielt keine Rolle.

Der VDB-Leitfaden „Datenaustausch beim Anforderungsmanagement" empfiehlt ReqIF ausdrücklich für die Angebots- und Klärungsphase. Konkret bringt das:

  • Bei neuen Lastenheft-Revisionen werden Änderungen automatisch markiert. Kein manueller Abgleich zwischen Dokumentversionen mehr.
  • Verknüpfungen zwischen Anforderungen, Klassifizierungen und Nachweisdokumenten bleiben beim Datenaustausch erhalten.
  • Alle Änderungen sind revisionssicher nachvollziehbar, was für die Prüfung durch NoBo und DeBo direkt relevant ist.
  • Klassifizierung, Verifikationsmethode und Quellenreferenz werden als eigene Felder übertragen, nicht als Freitext in einer Excel-Zelle.

Der Einsatz des ReqIF-Formats ermöglicht eine zeitsparende Bearbeitung von Ausschreibungen und Anfragen. Anwender können neue Einträge und Änderungen durch automatisierte Markierung sofort erkennen und vermeiden zeitintensive Abgleiche mit vorangegangenen Arbeitsständen.

VDB-Leitfaden Anforderungsmanagement, Abschnitt 4

Wie KI die Klassifizierung unterstützt

Manuelle Klassifizierung hat ein Problem: Konsistenz. Wenn dutzende Experten unabhängig voneinander Anforderungen bewerten, entstehen unterschiedliche Maßstäbe. Expert A klassifiziert eine Anforderung als OK, Expert B dieselbe als OKB. Nicht weil einer Unrecht hat, sondern weil sie unterschiedliches Wissen über die interne Dokumentenlage haben.

KI kann hier an mehreren Stellen ansetzen:

  • Automatische Suche nach Testberichten, Zulassungsdokumenten und Herstellerdatenblättern, die zu einer Anforderung passen
  • Erkennung von TSI-, DIN-EN-, ISO- und CENELEC-Referenzen im Anforderungstext, einschließlich Prüfung, ob die referenzierte Normversion noch aktuell ist
  • Abgleich von Klassifizierungen über Subsysteme hinweg, um Widersprüche zu finden (etwa wenn ein Team eine Achslast als OK bewertet, während ein anderes eine abhängige Anforderung als NOK einstuft)
  • Vorschläge für die Klassifizierung auf Basis früherer Angebote, einschließlich passender Quelldokumente und Verifikationsmethode
  • Ähnlichkeitssuche über frühere Projekte, deren Klassifizierungen als Referenz dienen

Laut dem Loopio 2025 RFP Response Trends Report nutzen branchenübergreifend 68% der Proposal-Teams generative KI, doppelt so viele wie 2023. 70% davon setzen KI mindestens wöchentlich ein. Die durchschnittliche RFP-Gewinnquote liegt bei 45%. Teams mit strukturierten Prozessen schneiden besser ab.

Die Bahnindustrie ist hier noch zurückhaltender als andere Branchen. Aber der Druck wächst: Der globale Bahnmarkt erreichte laut UNIFE World Rail Market Study 2024 EUR 201,8 Milliarden, mit rund 3% jährlichem Wachstum bis 2029. Bei steigendem Volumen und steigender Komplexität wird die Frage nicht sein, ob KI in der Klassifizierung zum Einsatz kommt, sondern wann.

KI ersetzt nicht den Experten

KI liefert einen Vorschlag auf Basis der internen Wissensbasis. Der Fachexperte validiert, korrigiert oder bestätigt, aber er startet nicht bei null. Die Zeitersparnis kommt nicht vom Ersetzen der Expertenmeinung, sondern vom Reduzieren der Sucharbeit: relevante Dokumente finden, Normenverweise prüfen, frühere Antworten auf ähnliche Anforderungen identifizieren.

Best Practices für Angebotsmanager

Unabhängig davon, ob Sie mit Excel, IBM DOORS, Siemens Polarion oder einer spezialisierten Plattform wie Tendric arbeiten: Die folgenden Prinzipien gelten immer. Sie basieren auf den Empfehlungen des VDB-Leitfadens, der EuroSpec-Spezifikation und den INCOSE-Qualitätskriterien für Anforderungen.

  1. Kein OK ohne Quelldokument. Wenn kein Nachweis existiert, ist es kein OK. Die Verifikationsmethode (IADT) gehört mit dazu.
  2. Jedes OKB braucht eine messbare Bedingung. Konkret, prüfbar, dokumentiert. Die Bedingung selbst muss verifizierbar sein.
  3. Jedes NOK braucht eine Alternative. Quantifizieren Sie die Abweichung und bieten Sie technische Alternativen an.
  4. Jedes OKM braucht eine Aufwandsschätzung. Kosten und Zeitrahmen der Modifikation gehören in die Antwort. Der Change-Management-Prozess nach ISO/TS 22163 gibt die Struktur vor.
  5. Jedes R braucht eine konkrete Rückfrage. Nicht „unklar", sondern: welche Information fehlt genau? Wenn möglich, eine bedingte Klassifizierung mitliefern.
  6. Konsistenz über Subsysteme prüfen. Die EN 15380-5 System Breakdown Structure gibt die Gliederung vor. Abhängigkeiten zwischen Fachbereichen müssen explizit geprüft werden.
  7. Vor Projektbeginn einen Klassifizierungsleitfaden erstellen. Was heißt OK, OKB, OKM in diesem konkreten Projekt? Mit Beispielen.
  8. Review-Schleifen einplanen. Mindestens 4-Augen-Prinzip für kritische Klassifizierungen. Bei sicherheitskritischen Anforderungen: unabhängige Prüfung gemäß EN 50129.
  9. Nachweisplanung nicht aufschieben. Die Verifikationsmethode wird beim Klassifizieren festgelegt, nicht erst in der Projektphase.
  10. ReqIF statt Excel-Versionen. Der VDB-Leitfaden empfiehlt werkzeuggestützten Austausch ausdrücklich für die Angebots- und Klärungsphase.

Fazit

Niemand wird Angebotsmanager, weil er leidenschaftlich gern Anforderungen klassifiziert. Aber die Klassifizierung entscheidet, welche Zusagen ein Unternehmen macht und welche Risiken es eingeht. Ein strukturierter, quellenbasierter Prozess mit klaren Definitionen pro Kategorie trennt professionelle Angebotsantworten von solchen, die unter Zeitdruck zusammengeschustert wurden.

Das 5-Stufen-Modell liefert mehr Präzision als die binäre Unterscheidung in Compliant und Non-Compliant. Plattformen wie Tendric bilden dieses Modell nativ ab. Verbunden mit Quellenreferenzen nach ISO/IEC/IEEE 29148, Verifikationsmethoden nach EN 50126 und konkreten Bedingungen bei jeder Abweichung wird aus der Pflichtübung ein Werkzeug, das Ausschreibungen gewinnt.

Die Compliance Matrix dient als Checkliste sowohl für den Bieter als auch für die Evaluatoren: Was wurde gefordert, was wurde zugesagt, wo ist der Nachweis?

APMP Body of Knowledge, Compliance Matrix
Checkliste für Angebotsmanager
  • Das 5-Stufen-Modell (OK/OKB/NOK/OKM/R) liefert dem Auftraggeber mehr Entscheidungsinformation als binäres Compliant/Non-Compliant
  • Jede Klassifizierung braucht eine Quellenreferenz und eine definierte Verifikationsmethode (Test/Analyse/Demonstration/Inspektion nach EN 50126 und ISO/IEC/IEEE 29148)
  • OKB braucht eine messbare Bedingung, OKM eine Aufwandsschätzung mit Zeitrahmen, NOK eine quantifizierte Abweichung mit technischer Alternative
  • Die fünf häufigsten Fehler: unkritisches OK, vages OKB, NOK ohne Alternative, fehlende Quellen, subsystemübergreifende Inkonsistenz
  • ReqIF statt Excel (empfohlen vom VDB-Leitfaden) eliminiert fehleranfällige manuelle Vergleiche
  • KI verbessert Konsistenz, Sucharbeit und Quellenabgleich. Die Expertenentscheidung bleibt beim Fachbereich.
  • Die Compliance Matrix mit 9 Feldern pro Anforderung (ID, Text, Verbindlichkeit, Klassifizierung, Kommentar, Quelle, Verifikation, Fachbereich, PH-Referenz) ist das Rückgrat des Pflichtenhefts
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tendric Redaktion

Das tendric-Team entwickelt KI-gestützte Werkzeuge für die Ausschreibungsbearbeitung in der Industrie. Wir schreiben über Best Practices, Branchentrends und die Zukunft des Angebotsmanagements.

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